Krisensensible Berichterstattung

Heute hatte ich die große Ehre und Freude, zur Abschlussveranstaltung einer Tagung der Deutsche Welle Akademie in Bouaké eingeladen worden zu sein.

Worum ging es?

Ca. 15 ivorische Radiojournalisten kamen hier in Bouaké im wunderschönen Hotel Mon Afrik zusammen, um unter der Leitung von Sandra van Edig und ihrem Kollegen 12 Tage lang zum Thema „krisensensible Berichterstattung“ geschult zu werden. Warum ist das nötig und was ist überhaupt „krisensensible Berichterstattung“?

Ich muss ein kleines bisschen ausholen.

Bisher wird in den hiesigen Medien, Radio und Zeitung, in erster Linie über Katastrophen berichtet, also wenn schon etwas Handfestes passiert ist. Es wird berichtet, wenn es Tote gab, wenn Unfälle passieren, wenn bei Ehescheidungen der Kampf um Kinder und Unterhaltszahlungen zu Mord und Totschlag ausarten. Man könnte sagen, das ist Schlagzeilenjournalismus. Doch bis es dazu kommt, dass eine Katastrophe eintritt, gibt es eine längere Entwicklung, es gibt Konflikte, die sich in eine Krise hineinentwickeln und nach und nach zur Katastrophe eskalieren können.

Uns ist diese Art der medialen Berichterstattung so vertraut, dass wir diesen speziellen Zweig gar nicht mehr als solchen wahrnehmen. Für uns ist es selbstverständlich, zu allen möglichen Themen Berichte zu lesen oder zu hören, ohne dass gerade etwas Tragisches passiert. Wenn wir uns die Mühe machen, auch einmal längere Hintergrundartikel zu lesen oder im Fernsehen Magazine wie Weltspiegel o.ä. anzuschauen, dann wundern wir uns nicht, wenn irgendwo ein Krieg ausbricht. Denn wir haben es kommen sehen können. Wir wusste vielleicht, dass es in den Ländern des arabischen Frühlings diktatorische Regime gab und Menschen sich nicht frei bewegen konnten, um nur ein Beispiel zu nennen.

In diesem Teil der Welt ist das nicht selbstverständlich. Man versucht, die eigenen Probleme irgendwie zu bewältigen und die öffentlichen zu ignorieren (ich lehne mich weit aus dem Fenster mit dieser Behauptung). Wenn aber die Katastrophe eintritt, dann haben es die einen schon immer gewusst und die anderen fallen aus allen Wolken.

Deswegen macht es großen Spaß, dabei zu sein, wenn diese Leute nach fast zwei Wochen gemeinsamer Arbeit ihre Reportagen vorführen. Da gab es eine Reportage über die Situation der Mototaxifahrer. Das sind diejenigen, die auf kleinen Motorrädern anstelle der bei uns zugelassenen 2 Personen bis zu vier Personen plus Gepäck befördern. Das sind die, die oft die Hauptverdiener in der Familie sind, Großfamilie versteht sich. Die meisten fahren nicht ihr eigenes Moto, sie müssen tägliche Miete bezahlen. Und dann kommen noch Steuern hinzu. Die Steuern sind angeblich dazu da, um die Strassen zu reparieren. Doch repariert wird nicht. Man wirft den Fahrern gerne vor, dass sie kreuz und quer auf der Strasse herum fahren. Das tun sie auch. Doch oft tun sie es, weil sie tiefen Löchern ausweichen müssen. Wenn es hier nicht zu einer Katastrophe kommen soll, brauchen die Mototaxifahrer Aufmerksamkeit, Öffentlichkeit, um Druck zu machen auf die Verantwortlichen in Politik und Stadtverwaltung. (Ob der Streik der Taxifahrer letzte Woche etwas mit der genannten Reportage zu tun hat, weiß ich nicht, aber man erkennt, wie brisant die Lage ist, in einer Stadt ohne öffentlichen Nahverkehr.)

Es gab eine weitere Reportage zum Thema Zusammenleben unterschiedlicher ethnischer Gruppen auf dem Land und eine zum Thema Scheidung und das Leben danach.

Ich bin dankbar für solche Begegnungen (Danke, Sandra, für die Einladung!). Einerseits trifft man engagierte, interessante Menschen, andererseits hat es auch was Schönes, konkret zu sehen, wohin deutsches Geld sinnvoll fließt.

In der Medizin nennt man diesen wichtigen Schritt den Übergang von der Notfallbehandlung zur Prävention. Und damit schließt sich wieder der Kreis.

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