Je tiefer man gräbt…

Wie manche meiner werten Leserinnen und Leser wahrscheinlich schon bemerkt haben, fließen mir bei dieser Reise die Texte und Fotos nicht in gleicher Weise in den Computer wie beim letzten Mal. Das hat natürlich einerseits damit zu tun, dass ich dieselben Orte und Menschen wieder besuche und mich damit in der Beschreibung wiederholen würde.
Zum anderen kommt aber ein anderes Problem auf: Auf dieser Reise nehme ich mir mehr Zeit für die einzelnen Orte und Menschen. Ich verharre, komme ins Gespräch, höre zu. Lerne die Personen und die Arbeitsumstände besser kennen, höre die Geschichten, die sich dahinter verbergen.

Damit eröffnet sich ein neuer Raum. (Vor-)Urteile werden in Frage gestellt, Meinungen, Sichtweisen relativieren sich. Ein Beispiel habe ich schon beschrieben, das Aha-Erlebnis mit Albert. Und genauso geht es mir mit einer Person nach der anderen. Wir sehen einen kleinen Ausschnitt, erlauben uns aus unserer deutschen Sicht ein Urteil und sehen uns dann mit Problemen konfrontiert, deren Ausmaß nicht abzusehen ist.

Also gut, ein weiteres Beispiel: Claude, der Leiter der Frauenklinik. Ich hatte bisher nur wenig Zeit, mit ihm zu sprechen, doch dies reichte, um mein Bild von ihm anfänglich zu überdenken. Seine persönliche Geschichte kenne ich noch überhaupt nicht. Aber ich habe seine Behausung gesehen und ich habe gehört, wofür er alles verantwortlich ist. Das Bild nach außen zeigt: Claude ist fast nie da. Meinung: Der kümmert sich nicht. Ein erster Blick hinter die Kulissen: Er ist nicht nur für CHU zuständig, sondern anscheinend versorgt er auch die Standorte Belleville (Rehabilitationszentrum der Frauen) und Dar es Salam (Rehabilitationszentrum der Männer) mit Medikamenten. D.h. er muss jeden Tag diese verschiedenen Orte abfahren. Nicht nur der Weg an sich kostet Zeit, sondern jeder Kontakt zieht natürlich das eine und andere an Gesprächen, Fragen und neuen Aufgaben nach sich. Dazu muss er mehrfach am Tag nach Nimbo fahren, da in Nimbo die Verwaltung ihren Sitz hat. Er muss seine Brichte dorthin bringen, Geld abholen oder bringen, Unterlagen für die Patientinnen von hier nach dort transportieren.

Desweiteren gibt es natürlich auch für die Patientinnen in CHU selber noch das eine oder andere zu tun. Wenn zum Beispiel eine Patientin zurück in ihre Familie entlassen wird, aber niemanden hat, der sie abholen kann, dann bringt er sie nach Hause- die Fahrt kann durchaus pro Weg ein paar Stunden in Anspruch nehmen.

Auch hier haben wir es also wieder damit zu tun, dass auf den Schultern eines einzelnen die Aufgaben von vielen lasten.

Natürlich heisst es jetzt für mich, mir diese Angaben von anderer Seite bestätigen zu lassen. Dann zu hören, ob es von Seiten der Betroffenen Vorschläge gibt. Doch solche Gespräche lassen sich nicht zwischen Tür und Angel führen. Man muss sich Zeit nehmen, erst einmal da sein, ankommen, schauen, wahrnehmen. Langsam ins Gespräch kommen. Dann öffnen sich die Menschen auch und trauen sich, von ihren wirklichen Sorgen, aber auch ihren Träumen zu sprechen. Das alles braucht Zeit. Viel Zeit. Zeit, die von Tag zu Tag abläuft (in drei Wochen bin ich schon wieder zuhause!!).

Ein „weißer“ Gedanke könnte sein: Tja, so sind sie halt, die Afrikaner.

Aber mal ehrlich: Wie würden wir uns denn verhalten, wenn eine Unternehmensberatung aus, sagen wir: den USA, zu uns käme, und „mal eben“ hören wollte, wie unsere Arbeitsbedingungen sind? Würden wir uns sofort mit allen Details anvertrauen? Ich bezweifle es.

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2 Antworten zu Je tiefer man gräbt…

  1. Andreas schreibt:

    Hier muss ich immer an den ollen Max Frisch denken, der das biblische „Du sollst dir kein Bildnis machen“ auf das zwischenmenschliche Miteinander heruntergebrochen hat: Jedes Bild, was wir uns von einem anderen Menschen machen, sperrt ihn darin ein und verhindert, dass er uns überraschen kann. Du hast das schön illustriert.

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