Kontaktaufnahme

Am Montag habe ich meine Begrüßungsrunde zum Direktor von St. Camille, Monsieur Siluė und seinen Mitarbeitern, dann zur Psychiatrischen Männerklinik (im weiteren einfach „Nimbo“ genannt) und dann zur psychiatrischen Frauenklinik („CHU“ sprich „Schü“) gemacht. Überall wurde ich aufs Herzlichste Willkommen geheißen. Es ist schön, wiederzukehren, die Beziehungen zu erneuern und zu vertiefen.
Albert zum Beispiel, der einzige Krankenpfleger vor Ort, war bei meinem ersten Besuch sehr skeptisch, und mein Auftreten war eher unbekümmert, man könnte auch sagen naiv und etwas ignorant. Heute hatten wir einen besseren Start, mein Verständnis für seine Arbeit war größer und er vertraute mir offensichtlich etwas mehr, so dass wir sogar ein paarmal gemeinsam lachen konnten. Ja, wie dachte ich damals, was er alles tun sollte! Wenn ich mir das jetzt vor Augen führe, muss ich wirklich Abbitte leisten. Aber daran sieht man auch, wie unvorstellbar die Arbeit hier ist.
In Zahlen: In Deutschland sind 2 Ärzte/Psychologen für ca. 20 Patienten zuständig. Dazu kommen 3×2 (pro Schicht mindestens 2) oder mehr Krankenschwestern/-pfleger sowie diverse Therapeuten.
Hier versorgt Albert anstelle des Arztes, den es nicht gibt, morgens eine Ambulanz, überwacht Aufnahmen und ist erster Ansprechpartner für 276 stationäre Patienten von Nimbo. Nachmittags dasselbe in der Frauenklinik mit ca. 130 Patientinnen. Dazwischen muss er noch schnell in die staatliche Klinik, wo seine Mitarbeiter die Stellung halten und er die notwendigen Formulare etc. unterschreibt oder zu Notfällen gerufen wird, denn eigentlich ist er dort angestellt. Das staatliche System hier im Land erlaubt Beamten, neben ihrer eigentlichen Tätigkeit, in nicht staatlichen Unternehmen zu arbeiten. So fährt Albert täglich zwischen 3 Kliniken hin und her. Es gibt einen einzigen Arzt, Dr. Diomondé, der ebenfalls für alle diese Einrichtungen zuständig ist, dazu aber noch die anderen Städte der nördlichen Hälfte des Landes versorgt. Die Arbeit direkt an den Patientinnen und Patienten, die Anamnese, Datenerhebung etc. wird von angelernten Kräften ausgeübt. Kein Wunder, dass keine Zeit bleibt für intensivere Beschäftigung mit den einzelnen!

 Ach ja, ich vergaß noch: mehrmals im Monat fährt Albert über Land zu Gesundheitsstützpunkten und hält dort Ambulanz ab für die, die sich die Reise in die Stadt nicht leisten können. (Nebenbei: als verbeamteter Krankenpfleger in der staatlichen Klinik müsste er nur 4-5 Stunden täglich arbeiten…)
Der unbedarfte Blick von außen sieht: ein Ende 40jähriger Mann sitzt den ganzen Tag hinter seinem Schreibtisch. Er macht keine Visite, führt keine Einzelgespräche, telefoniert/spricht kaum mit Angehörigen, leitet keine Gruppen und überprüft die Medikation der stationären Patienten nur, wenn diese ihm von den anderen Mitarbeitern vorgestellt werden.
Ein genauerer Blick zeigt: hier sitzt ein Mann, der psychiatrisch mindestens so gut ausgebildet ist wie bei uns die Ärzte, der weiß, was möglich wäre, und der sehr gerne regelmäßige Visiten abhalten würde. Der aber stattdessen den Mangel verwaltet und sich selbst jeden Anspruch an Mehr abgewöhnen muss. Und der eine ungeheure Verantwortung trägt. Denn wer würde in Deutschland schon bereit sein, die Verantwortung für 400 stationäre PatientInnen zu tragen?
Es war berührend, seine Gesichtszüge zu beobachten, als es darum ging, endlich einen zweiten Krankenpfleger einzustellen. Die Aussicht, diese enorme Last teilen zu können, diese Erleichterung, allein bei dem Gedanken daran.
Wie würden meine christlichen Freunde in der hiesigen Mission sagen: bitte betet darum, dass es bald möglich wird, einen zweiten Krankenpfleger einzustellen! Und wer es nicht so hat mit dem Beten,  ist herzlich eingeladen, eine Geldspende zu leisten (Kontonummer etc. unter http://www.Kettenmenschen.de), damit wir dauerhaft eine Stelle finanzieren können. Es braucht nicht viel, jeder noch so kleine Beitrag hilft, pro Monat sind es ungefähr 300,- Euro, die benötigt werden, um einen Krankenpfleger zu bezahlen.
Danke an alle, die so oder so helfen!

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Akklimatisieren

Tag 4: Das Klima meint es gut mit mir. Nachts kühlt es meist soweit ab, dass ich eine dünne Decke brauche, das Laken alleine ist nicht warm genug. Tagsüber wird es warm, aber noch nicht wirklich heiß. Ich kann es noch nicht wirklich glauben, traue den Temperaturen nicht und ziehe mich zu dünn an. Wer hätte das gedacht?! Nachdem es heute auch noch am Vormittag kräftig regnete, wurde es so kühl, dass ich mich erkältet habe. So ein Mist. Was lerne ich daraus? Heiß ist nicht gleich heiß und ungefähr 24 Grad können kalt sein….

Fortsetzung: Ich habe mich nicht nur erkältet, sondern mir einen fetten grippalen Infekt an Land gezogen. Das ist vielleicht blöd, da sitzt man bei Mitte zwanzig Grad und friert und trinkt heißen Tee, wickelt sich in Decken. Zum Glück gibt es auf dem Gelände der Ecole Baptiste, wo ich wieder wohne, viele Grapefruitbäume und die Früchte sind gerade reif. Also Vitamin C in Hülle und Fülle.

Nach 2 Tagen ausser Gefecht geht es jetzt schon etwas besser, mal sehen, wie es morgen aussieht.

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Ankunft in Abidjan

Je suis arrivėe! Ich bin wieder da! Vor gut 20 Std. bin ich aufgestanden, habe einige Stunden im Istanbuler Flughafen verbracht, weitere im Flugzeug, Zwischenlandung in Accra/Ghana, aber schlussendlich 10 Min. zu früh in Abidjan gelandet. (Nebenbemerkung: so gut wie an Bord der Turkish Airline habe ich noch nie im Flugzeug gegessen.) Durch Pass- und Zollkontrolle dieses Mal ganz entspannt, von allen Seiten tönt es „Bienvenue!“, ich stehe wieder auf afrikanischem Boden. Als wäre es gestern gewesen, dass ich abgefahren bin. Und wer kommt zu meiner großen Freude durch die Tür um mich abzuholen: Gregoire! Wie schön, ihn wieder zu sehen! Er hat extra seine Abfahrt nach Bouakė um einen Tag verschoben, damit ich mit ihm und nicht mit dem Bus fahren kann. Danke! Mein Französisch ist noch etwas holperig, die Vokabeln stehen parat, aber die Ohren sind noch nicht ganz auf den fremden Zungenschlag eingestellt, aber zum ersten Austausch von Neuigkeiten reicht es.
Jetzt trinke ich in der schwülen Wärme von 25 Grad mein erstes Flag (Bier)- Prost Côte d’Ivoire, Prost St. Camille!! Auf eine gute Zeit!

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Auftakt zu 2. Reise

Feierabend! Habe meine Patienten in Zwiefalten an die Kollegen übergeben -vielen Dank, dass ihr mich fahren lasst! – und damit ist der eine große Vorbereitungsblock fertig. Jetzt heißt es noch packen und Haus und Katze an die Nachbarinnen übergeben- auch an diese wichtigen Helferinnen ganz herzlichen Dank für die Unterstützung! – und dann kann es losgehen. Auf nach Bouakė in der Côte d’Ivoire, auf in die psychiatrischen Einrichtungen von St. Camille!

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Gute Nachricht und Spendenaufruf

Das Gute zum Schluss: An meinem letzten Morgen bekamen wir die Erlaubnis, die Toiletten in der Frauenklinik zu renovieren. Ca. 10.000,- Euro werden dafür gebraucht und etwa nochmal so viel für die Küche. Denn beides befindet sich aktuell in gesundheitsgefährdendem Zustand.

Warum das eine so besondere Nachricht ist?

Nun, es müssen eben alle Beteiligten zustimmen und dafür muss man mit jedem reden und das ist nicht immer leicht und braucht Geduld und Ausdauer.

Aber der Reihe nach.

Der Ort, an dem sich die Frauenklinik befindet, ist der Ort, an dem alles mit St. Camille angefangen hat. Gregoire bekam damals, vor 20 Jahren, von der Leitung der Universitätsklinik die Erlaubnis, die Krankenhauskirche mit den umgebenden Gebäuden für seine Arbeit zu nutzen. Nachdem dieser Ort aus allen Nähten platzte, wurde Nimbo gebaut, wo sich jetzt die Allgemeinmedizinische Klinik und die Männerpsychiatrie befindet. Auch diese Räumlichkeiten entsprachen irgendwann nicht mehr den Anforderungen, weshalb sie mit Hilfe der Stadt Reutlingen renoviert und erweitert wurde.

Im „CHU“ (Centre Hospitale de l’Université) ist seit den Anfängen nichts gemacht worden, bis auf die Anschaffung von neuen Kochstellen aus Stahl, anstelle der traditionellen Herde aus Ziegeln und Lehm.

Die Toiletten sind einfache Löcher im Boden, die Duschen bestehen maximal aus einem Wasserhahn an der Wand. Das größte Problem ist jedoch der Abfluss. In Bouaké gibt es keine zentrale Abwasserversorgung, sondern es wird mit Latrinen gearbeitet. Diese Latrinen befinden sich zum Teil innerhalb, zum Teil direkt außerhalb des Geländes der Frauen. Sie sind offen, nicht einmal ordentlich abgedeckt, was dazu führt, dass ab und zu jemand hinein fällt, und sie funktionieren nicht richtig, sind voll.

Bei einer Belegung mit 130 Frauen ist es ein Wunder, dass es nicht viel mehr Durchfall- und sonstige Erkrankungen gibt.

Die Küche verfügt zwar über „moderne“ Herde (nicht modern in unserem Sinne, aber für dort relativ gut), aber die Entlüftung ist nicht ausreichend gewährleistet. Das heisst, die Frauen, die die Mahlzeiten zubereiten, stehen den ganzen Tag im Rauch der Holzfeuer. Sie werden nicht sehr alt.

In der Männerklinik wurde die Entlüftung verbessert, was zu enormer Entlastung der Köchinnen führte. Im CHU ist es auch dringend notwendig. Hinzu kommt, dass das Dach des gesamten Kochgebäudes defekt ist und bei Regen alles unter Wasser steht.

Wo ist jetzt aber das Problem? Warum fängt man nicht einfach an, hat nicht schon angefangen?

Nun, die neuen Latrinen müssten ausserhalb der Mauer gebaut werden, also auf dem Gelände der Universitätsklinik. Dort, direkt nebenan, hatten vor zwei Jahren die Frauen begonnen, Felder anzulegen, da das Gelände brach lag. Es liegt zwar immernoch brach, doch die Universitätsklinik hat angekündigt, dort bauen zu wollen, und war mit der nicht abgesprochenen Nutzung nicht sehr glücklich. Man könnte auch sagen, es gab erhebliche Spannungen. Hinzu kommt, dass die Frauen therapeutisch nicht sehr gut versorgt sind, es mangelt an Personal und Beschäftigungsmöglichkeiten, und so laufen sie häufig auf dem Gelände der Universitätsklinik herum, betteln, stören. Es ging schon das Gerücht, dass die Frauenklinik schließen müsste.

Gregoire ist zwar ein Meister der Kommunikation, wenn es um Patienten oder potenzielle Spender geht, doch mit den „Offiziellen“ tut er sich schwer. In Anbetracht dessen, dass er seine gesamte Arbeit ohne medizinische Ausbildung leistet, ist seine Scheu gegenüber den „Studierten“ auch verständlich. In diesem Fall ist es jedoch hinderlich.

Nach einigem Hin und Her über die Prioritäten der nächsten Investition aus Deutschland kamen wir, die Gruppe aus Reutlingen, überein, dass diese Renovierung ganz oben steht.

Coul, unser Koordinator in Bouaké, kontaktierte schließlich einen Freund, einen Arzt, der in der Verwaltung der Universitätsklinik arbeitet. Dieser war bereit, sich mit mir und Coul zu treffen. Er hörte uns ruhig und konzentriert zu und gab zu verstehen, dass ihm die Problematik einleuchte. Allerdings müssten wir dazu mit dem Zuständigen für die Außenanlagen sprechen. Dieser war aber leider nicht da. Wer jedoch, wieder Erwarten, da war, war der Generaldirektor der Universitätsklinik. Er hatte zwar gerade noch ein Gespräch mit einem Polizeioberen, doch danach sei er bereit, uns zu empfangen. Was für ein Glück! Gerade noch vor meiner Abfahrt!

Auch er hörte uns konzentriert zu, berichtete dann auch von seinen Sorgen. Er ist Neurologe, und die Verfassung und mangelnde Versorgung der Frauen geht nicht an ihm vorbei. Wir gabe ihm zu verstehen, dass wir planen, die therapeutische Versorgung durch Einstellung weiterer Mitarbeiter zu verbessern, was ihn sichtlich erleichterte. Und es dauerte danach nur noch wenige Minuten, bis er zustimmte, dass die Latrinen, obwohl auf seinem Gelände, neu gemacht werden dürfen!!! Ich glaube, er war einfach froh zu sehen, dass etwas unternommen wird, um die Situation zu verbessern, und dass Deutsche an diesen Maßnahmen beteiligt sind, dürfte an seiner Freude durchaus Anteil haben. Nun, diesen Vorteil darf man dann auch mal nutzen.

Jetzt ist es also so weit, dass wir konkret mit dem Sammeln der Spenden für dieses Vorhaben beginnen und auch Kontakt aufnehmen mit dem Bauunternehmer, der schon in der Männerklinik gute Arbeit geleistet hat. Wenn alles einigermaßen glatt läuft, könnten die Arbeiten noch in diesem Jahr vollendet, naja, aber zumindest begonnen werden.

Spenden können auf das Konto des „Freundeskreis St. Camille e.V.“ Kreissparkasse Reutlingen, Konto-Nr. 9795 (BLZ 640 500 00), überwiesen werden.

Bitte angeben, ob eine Spendenbescheinigung erbeten wird sowie Name und Anschrift nicht vergessen.

siehe auch: www.kettenmenschen.de

Im Namen der Patientinnen in Bouaké sage ich jetzt schon:

Von Herzen Dank!!! Merci beaucoup!

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Rückreise

Heute war es dann so weit, es hiess Abschied nehmen. Nach den Verabschiedungen von den Menschen gestern war es heute eher ein stilles Revue passieren lassen.
Doch es hieße den Menschen unrecht tun, wenn ich nur mit einem Wort über den letzten Tag hinweggehe.
Wir erinnern uns: Begrüßung wird hier hoch zeremoniell begangen. Man nimmt Platz, muss „die Neuigkeiten“ überbringen, (wie ich im Verlauf erfuhr geht es zunächst darum, zu entwarnen. Schliesslich werden Besuche traditionellerweise gemacht, um von Geburten oder Todesfällen, Hochzeiten, Kriegen o.ä. zu berichten und sind je nachdem auch mit entsprechenden Bitten verbunden)- also man gibt Entwarnung und berichtet dann vom Grund des Besuchs.
Beim Abschied wurde ich im Kreis der Verwaltung von St. Camille gebeten, Platz zu nehmen. Dann bedankte sich der Chef für meinen Besuch, betonte nochmal, wie wichtig der entstandene Kontakt für die Arbeit vor Ort sei und ließ mir schließlich ein Paket überreichen. Darin befand sich aus handgewebtem Stoff ein Traditionelles Gewand, das ich natürlich unter allgemeiner Freude gleich anziehen musste.

Heute früh fand ich mich in Begleitung von Amed am Busbahnhof ein.
Es gibt verschiedene Busse, in denen man über Land reisen kann. Kleinbusse, die bei uns neben dem Fahrer 8 Personen befördern- hier sind es unzählige, die oft noch halb aus der offenen Tür hängen. Die nächste Variante sind alte Omnibusse. Die besser erhaltenen haben nur den Nachteil, dass die Fenster offen sind und alles andere alt und heruntergekommen, was an sich nicht schlimm ist, man ist es von den Taxis gewohnt. Manche jedoch sind so fertig, dass sie nicht mehr in der Spur laufen. Da fahren die hinteren Räder um gut einen halben Meter versetzt hinter den vorderen her. Sie schlingern natürlich auch entsprechend, was es nicht ungefährlich macht, sie zu überholen. Aus diesen Gründen hatte ich mich für den Luxusliner entschieden. Große moderne Busse, die einen sehr schlaglochstabilen Eindruck machen, was sich auch bestätigte. Hinzu kommt, dass man mit der Fahrkarte auch eine Sitzplatzreservierung bekommt. Mit der Nr. 4 sah ich mich also schon bequem, hoch oben und ganz vorne in meinem Sitz, mit Blick auf die Straße die Fahrt geniessen- und war nicht wenig überrascht, als ich sah, dass nicht wie bei uns 2×2 Sitze pro Reihe angebracht sind, sondern auf der linken Seite 3! Die Nr. 4 ist ganz links… Also hieß es 6 Stunden eingeklemmt in der Ecke, mit einer Wand vor mir, die nur bergab ein bisschen Blick zuließ. Das Panorama-Fenster musste ich dann auch schliessen, es hieß Vorhang zu und Film ab! Nun, ich hab mir eine Vorhanglücke genehmigt, die mir auch zugestanden wurde, und konnte so doch noch die Landschaft an mir vorbei ziehen lassen. Dieses unglaublich intensive Grün in seinen vielen Schattierungen.

Ja, die Fahrt. Es ging relativ unspektakulär (was das Fahren an sich angeht) durchs Land, ab undd zu ein Zwischenstopp. Jedes Mal drängen sich unzählige Frauen mit ihren Waren auf dem Kopf an und um den Bus, versuchen schnell eine Erfrischung, eine Stärkung zu verkaufen, was auch ganz gut gelingt.

Dann hält der Bus plötzlich auf freier Strecke und ganz viele Leute springen raus- hähh? Was ist denn jetzt los? Ah, Blase leeren! „On va pisser!“ Ja, das tut man hier einfach am Strassenrand, eine/r neben dem/der anderen. Dann geht es weiter.

Schließlich erreichen wir Abidjan und nach einem Telefonanruf kommt auch schon wenige Minuten später der Taxifahrer, mich abzuholen. Er hatte mich schon bei meiner Ankunft vom Flughafen abgeholt und ist ein Freund von Coul. Also kann ich ihm vertrauen. Was gar nicht selbstverständlich ist. Ich muss noch einen Abstecher in mein erstes Hotel machen, der Taxifahrer muss noch etwas erledigen, er kommt gleich wieder, ich lasse mein Geüäck im Auto- und der Hoteljunge bekommt schier einen Herzinfarkt, als er das hört. Irgendwie bin ich dann aber auch erleichtert, als das Taxi heil wieder bei mir ankommt. Es muss in diesem Land ja nicht einmal böser Wille sein, doch die Unfallgefahr ist einfah viel höher und da sollte man eben seine Sachen bei sich behalten. Ok, ich denke dran beim nächsten Mal.

Schließlich geht es also zum Flughafen, einchecken, nochmal Geld tauschen, die einzigen Postkarten kaufen, dann endlich geht es los. Ein ruhiger, pünktlicher Flug, in Paris gerade genug Zeit zum Umsteigen, und um 10:00 Ortszeit, also fast 24 nach Abfahrt, bin ich schließlich zuhause.

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Mehr Menschen- ein Loblied auf Amed

Amed, Taxifahrer, mein Chauffeur.

Klasse Typ. Immer gut drauf. Er hat ein fast neues Auto, was soviel bedeutet wie: Es ist noch keine 20 Jahre alt und hat weniger als 300.000 km (ups, muss ich beim nächsten Mal nachschauen, bin gar nicht sicher…). Jedenfalls hat es keine Schäden, die unübersehbar ins Auge fallen (also ich spreche von Schäden, nicht von Kratzern), noch fehlen Teile wie Stoßstange o.ä. Dass der elektrische Fensterheber auf der Beifahrerseite nicht mehr tut, wird von seiner Aufmerksamkeit kompensiert. Sobald man versucht, das Fenster hoch oder runter zu machen und dann feststellt, dass sich nichts bewegt, fragt er schon nach, ob man es weiter auf oder zu haben möchte. Er fährt zügig, aber rast nicht, weicht den Schlaglöchern gekonnt aus bzw. bremst zum Schutz des Auto fast bis zum Stillstand ab, bevor er eins durchquert (anders hat man keine Chance, das Auto länger als einen Tag heil zu lassen). Wenn er noch Zeit hat und auf einen wartet, poliert und putzt er sein Auto (das übrigens aus Deutschland kommt, erkennbar an der Feinstaubplakette), das deshalb immer blitzt und blinkt. Amed ist stolz auf sein Auto. Auch und besonders, weil es nicht orange ist, wie die anderen Taxen hier, sondern hellrot, also dunkler. Ein feiner, aber wichtiger Unterschied.

Während der Fahrt macht er Smalltalk, gibt sich genug Mühe, verständliches Französisch zu sprechen, damit ich eine Chance habe, ihn zu verstehen, aber er verstellt sich nicht und ich muss mich anstregen, um seinen Ausführungen zu folgen. Jede Fahrt ist also auch eine Lehrstunde. Dabei korrigiert er mich freundlich, erklärt Ausdrucksweisen, und erklärt mir, was meine Schwierigkeit ist: Ich muss langsam sprechen. Sobald ich versuche, schnell zu sprechen, blockiere ich, und dann geht gar nichts mehr. Ja, Recht hat er. Aber gar nicht so leicht in einem Land, in dem die Menschen unglaublich schnell sprechen und ich doch auch gerne schnell denke und spreche und mich über die Geschwindigkeit freue und dann will das Hirn nicht so wie ich und die Zunge schon gar nicht und die beiden zusammen treten in Streik. Mist. Wie gesagt, er hat dieses Problem erkannt und lacht nur, wenn es wieder passiert, hilft mir und dann geht es weiter im Text.

A propos Text: Worüber reden wir? Abgesehen vom Wetter, über das man hier wunderbar reden kann (die Hitze, das letzte Gewitter, der Regen der vielleicht kommt oder am Nachmittag schon in der Umgebung war oder eben die Hitze)? Na, über was wohl? Hey, nicht Ferngesehen, letzten Samstag? Nicht dabei gewesen, als Didier Drogba half, die Bayern zu blamieren?

Fußball! Amed gibt jeden Mittwoch, Samstag und Sonntag seinen Wagen an einen Kollegen, um Fußball zu spielen! (und wer weiß was für Geschäfte noch zu machen oder frei zu haben). Aber hauptsächlich Fußball! Er kennt sogar Herha BSC und ihren erneuten Abstieg in die zweite Liga (dieser Teil des Gesprächs hätte nicht unbedingt sein müssen. In der Hitze und Schönheit des Landes kommen mir fast die Tränen. Dabei hätten sie es fast geschafft, drin zu bleiben!!). Ja, aber über Manchester United und Chelsea und Bayern München und über seine eigenen Erfolge vom vergangenen Wochenende können wir gut reden.

Zurück zum eigentlichen Geschäft. Amed fährt mich innerhalb von Bouaké bei größeren Strecken hin und her und vor allem holt er mich von meiner etwas abgelegenen Unterkunft ab und bringt mich auch abends sicher dorthin wieder zurück. Sicher ist insofern nicht ganz selbstverständlich, als mein Zuhause ausserhalb des Lichtergürtels liegt. Ja. In dem Moment, wo die Strassenbeleuchtung aufhört, ist es dunkel. Stockdunkel. Absolut dunkel. Bei Mond etwas heller, aber das war’s dann auch. Kein Streulicht von irgendwelchen Häusern, Höfen o.ä. Nichts. Ach ja, es verkehren auch kaum Autos, die ihr Scheinwerferlicht zur Verfügung stellen könnten. Trotzdem sind nachts noch ziemlich viele Menschen unterwegs, zu Fuß, per Fahrrad, Moped. In den meisten Fällen ohne oder nur mit rudimentärem Licht. Man sieht sie also wirklich erst im allerletzten Augenblick. Hinzu kommt, dass an der Strasse, auf der es zur Stadt raus geht, noch bis vor ca. einem Jahr ein Kontrollpunkt der UNO war, die Rebellen lagen weniger Meter weiter. Es war also weder bezüglich der Strassenschäden noch aus sonstigen Sicherheitsgründen sehr empfehlenswert, alleine oder mit Unbekannten hier nachts hinaus zu fahren. Dies alles wurde mir zum Glück erst bewusst, als ich an einem Abend vom Fahrer der Reutlinger Delegation (mit derselben an Bord) nach Hause gebracht wurde und die Anwesenden die Dunkelheit bemerkten. Wahrscheinlich habe ich mich auf der Alb schon so an diese ländlichen Verhältnisse gewöhnt, dass es mir gar nicht weiter aufgefallen ist. Die Reutlinger sind da etwas verwöhnt… ;-).

Wie auch immer- es ist gut, als alleinreisende Frau nachts zu wissen, dass man sicher nach Hause gebracht wird und Amed trägt dazu seinen Teil bei.

Aber Amed fährt mich nicht nur von A nach B. Er bringt mich auch zum Aufladen meines Handys und übernimmt die notwendige Konversation. Hier funktioniert das nämlich so: Am Strassenrand stehen unzählige kleine Tische/Buden/Stände, an denen Tafeln mit den Namen der verschiedenen Telefongesellschaften angebracht sind. Man geht dorthin bzw. hält am Strassenrand, dann gibt man seine Telefonnummer und den Aufladebetrag an, und dann dauert es maximal eine Minute, bis man eine SMS bekommt, die bestätigt, dass der gewünschte Betrag gutgeschrieben wurde. Ist diese SMS da, wird bezahlt, und weiter geht’s. Auch für weitere Fragen zu Land und Leuten steht Amed gerne zur Verfügung, ein culture guide, wie die Amerkaner so einen nennen.

Und was ist an den drei Tagen, an denen Amed frei hat?, werden die aufmerksamen LeserInnen jetzt fragen. Nun, da hat er seinen Kollegen, den er per Telefon zu mir dirigiert und den er bei den ersten Fahrten auch immer anrufen ließ, sobald ich an Bord war. Es funktioniert nämlich so, dass ich Amed anrufe, ihm meinen Aufenthaltsort mitteile und wann ich diesen zu verlassen wünsche. Meist trifft er früher als verabredet ein.

Zu Anfang stieg ich dann einmal in den Wagen, grüßte schon freundlich, bis ich bemerkte, dass sich Amed verändert hatte. Ca. 20 Jahre älter, Bart. Hm. Aber wie gesagt, da telefonierte dieser Herr schon und Amed teilte mir mit, dass auch weiterhin alle Anrufe über ihn zu gehen haben und er sich dann um die Abwicklung kümmere. Das funktioniert super. Auch dieser anfangs eher stummer Herr ist inzwischen etwas aufgetaut, aber unsere Gespräche verlaufen meist schnell im Sand.

Man könnte unterstellen, dass sich Amed per Telefon einen Teil der Einnahmen sichert. Ein anderer Grund ist aber bestimmt auch der, dass er eine Empfehlung von einem Freund an unseren Organisator ist und speziell für meine Sicherheit verantwortlich gemacht werden würde, wenn was schief laufen würde. In so einem überschaubaren Netzwerk wäre das nicht günstig für seinen Ruf und sein Geschäft.

Doch so, wie es läuft, braucht er sich darum keine Sorgen zu machen, ich werde ihn sicher weiter empfehlen! Also falls jemand mal nach Bouaké fährt- nur Bescheid sagen, dann gebe ich gerne die Telefonnumer weiter!

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